Sie probieren es mal wieder. Das EU-Parlament fordert heute in einer Resolution ein einheitliches Ladegerät für alle Handys. Die Abgeordneten sind erbost, dass ein Standard bis heute auf sich warten lässt. Das Standardladegerät wird seit 2009 diskutiert, also seit grauer Handy-Vorzeit, als die meisten von uns noch SMS in klobige Nokia-Geräte tippten.
Das einheitliche Ladegerät ist ein banaler Fall, doch er berührt eine Grundsatzfrage. Die EU-Kommission hat die rechtlichen Werkzeuge in der Hand, um ein einheitliches Ladegerät binnen weniger Monate zur Realität zu machen.
Doch die Beamten in Brüssel hofften über ein Jahrzehnt hinweg, dass alle Hersteller freiwillig ihren Vorgaben folgen – vergeblich.
Das liegt nur an einem Anbieter: Apple wehrt sich vehement dagegen. Der Konzern setzt statt USB auf seinen eigenen, patentierten Lightning-Anschluss. Er behauptet frech, dass ein einheitliches Ladegerät samt einheitlichem Stecker für das iPhone „Innovation behindert“, und das obwohl Apple in Geräten wie seinen iPads selbst einen Standard-USB-Anschluss verbaut.
Apple stellt damit die Bedürfnisse seines – zugegebenermaßen schicken – Designs über Nutzbarkeit und Nachhaltigkeit.
Zehn Jahre zur Weltrettung
In Zeiten der Klimakrise macht Apple sich angreifbar. Technologiekonzerne müssen sich ihrer Verantwortung für die Umwelt stellen. Die UN schätzt, dass wir zwischen 2020 und 2030 jedes Jahr unsere Emissionen um 7,6 Prozent senken müssen, um eine katastrophale Erderwärmung zu verhindern. Uns bleiben zehn Jahre, um die Welt zu retten.
Die IT-Nutzung ist ein wichtiger Klimafaktor. 2025 verbrauchen Geräte, Serverfarmen und Netze laut einer Schätzung 20 Prozent des globalen Stroms. IT ist dann für bis zu 5,5 Prozent der Klimaemissionen verantwortlich – mehr als der weltweite Flugverkehr.
Es geht aber nicht nur um den Energieverbrauch: Smartphones bestehen aus eine Vielzahl an seltenen Rohmaterialien, darunter den Konfliktmineralien Tantal, Zinn, Wolfram und Gold. Die Rohstoffe finanzieren brutale Rebellengruppen, der Abbau von Ressourcen verursacht Verheerungen wie Giftschlamm aus radioaktivem Abwasser.
Smartphones und ihr Zubehör landen außerdem nach ihrer Nutzung meist wieder in Ländern des globalen Südens, wo sie als ätzender Schrott auf Müllkippen enden. Ladegeräte allein sorgen jährlich für bis zu 14.000 Tonnen Elektromüll in der EU, schätzt eine bisher unveröffentlichte Studie im Auftrag der Kommission.
Nur ein Achtel wird recycelt
Eine Kreislaufwirtschaft ohne Müll, wie sie die EU-Kommission seit Jahren beschwört, bleibt ein Fernziel. Weniger als die Hälfte des Elektromülls wird recycelt. Und bloß 12 Prozent des EU-Rohstoffbedarfs wird aus wiedergewonnenen Materialien bestritten.
Maßnahmen gegen den E‑Müllberg fallen bisher zaghaft aus. Die Ökodesign-Richtlinie der EU legt seit 2009 Energieeffizienz bei Elektrogeräten fest, seit kurzem schreiben Zusatzmaßnahmen vor, dass bei Leuchten, Displays und Kühlschränken künftig sieben Jahre lang Ersatzteile verfügbar sein müssen. Für Handys gibt es solche Regeln bisher nicht.
Apple ist in Umweltfragen ein interessantes Beispiel: Der Hersteller produziert rund ein Fünftel der Handys auf der Welt, seine Produkte gehören am Markt zu den teuersten – und den mit Abstand profitabelsten. Wenn es sich jemand leisten könnte, nachhaltig zu produzieren und Reparaturen zu erleichtern, dann ist das Apple.
Der Konzern setzt sich gerne als Öko-Hersteller in Szene, lange Umweltberichte sollen das belegen. Doch Apple-Manager werden schnell defensiv, wenn sie auf die tatsächliche Bilanz des Konzerns angesprochen werden. Das hat einen Grund.
Festgeklebte Batterien und üble Updates
Apple wettert nicht nur gegen einheitliche Ladegeräte. Die Firma untergräbt die Langlebigkeit seiner Produkte, indem sie ihre Reparatur schwer macht. Auf dem Reparierbarkeitsindex der Webseite iFixit schneiden iPhones eher mittelmäßig ab.
Bei iPads klebt Apple bei manchen Modellen den Akku fest, um einen Austausch zu verhindern. Apples Laptops zählen laut iFixit sogar zu den am schlechtesten reparierbaren Geräten. Für den Weltkonzern Apple ist das keine beeindruckende Bilanz.
Kritik gibt es auch an mangelnder Software-Nachhaltigkeit: Apple und Samsung fassten in Italien eine Millionenstrafe für Softwareupdates aus, die aus Sicht des Gerichts absichtlich deren Leistung schwächten.
Apple muss inzwischen in einigen Ländern über solche Leistungsdrosseln „klarer und ehrlicher“ informieren. Tatsächlich hat der Konzern bereits freiwillig einiges für die Langlebigkeit seiner Handys getan – rechtlich bindende Garantien gibt es aber nicht.
Recht auf Reparatur als Ziel
Die Europäische Union könnte hier ansetzen. Die neue Kommission unter Ursula von der Leyen hat mit dem Green Deal einen Plan für eine umweltfreundlichere Wirtschaft. Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius hat vor ein paar Tagen ein „echtes ‚Recht auf Reparatur’ “ angekündigt.
Auch wünscht sich der Umweltkommissar Maßnahmen gegen geplante Obsoleszenz, also absichtliche Schwachstellen, die die Lebensdauer vieler Geräte vorzeitig verkürzen. Die EU könnte damit einen globalen Standard für nachhaltige Geräte setzen.
Mehr Wiederverwertung wäre nicht nur für die Umwelt gut. Handys von Apple werden in Kalifornien designt und in Asien hergestellt. Von der Wertschöpfung bleibt in Europa, wo der Konzern fleißig Steuern vermeidet, meist wenig hängen.
Reparatur, Wiederverwertung und Recycling schaffen Arbeitsplätze. Die EU-Kommission schätzt, dass diese Bereiche bereits für vier Millionen Jobs in Europa sorgen. Ein Recht auf der Reparatur für elektronische Geräte könnte die Zahl noch steigern.
Aktivisten rufen die EU-Kommission auf, rasch gesetzliche Maßnahmen vorzulegen. Es sei wichtig, dass das Recht auf Reparatur in den Plänen der Kommission auftauche. „Es fehlen aber konkrete Maßnahmen“, sagt Dorothea Kessler von der Europäischen Right-to-Repair-Kampagne. Die müssten möglichst bald nachgeliefert werden.
Dafür muss die Kommission allerdings noch einer Wahrheit ins Auge sehen: Selbstregulierung durch die Industrie und freiwillige Maßnahmen funktionieren nicht. Denn wenn Konzerne wie Apple ihre Profitmarge gefährdet sehen, ist es mit der Umweltliebe vorbei.
Wenn die EU einen globalen Standard bei nachhaltigen Geräten setzen will, braucht es harte gesetzliche Mittel. Die Zeit, in der sich Konzerne wie Apple selbst die Regeln setzen, muss endlich vorbei sein.
